Daumennuckeln bei Erwachsenen und Jugendlichen – Mein Weg der Entwöhnung

Mir ist letztens etwas aufgefallen. Irgendwie recherchiert man ja mittlerweile über alles und jeden im Internet. Ob Heizung entlüften, Waffelrezepte suchen, Fahrradbremsen reparieren oder die Schauspieler des neuen Fantastic Beasts Films herauszufinden: zu eigentlich jedem Thema findet man mindestens einen Text im Internet. Allerdings kann ich bestätigen, dass das für ein Thema nicht gilt. Das Daumennuckeln bei Erwachsenen. Ja, ich bin nämlich so eine (gewesen), die von Geburt an dauernd mit Daumen im Mund zu sehen war. Und irgendwann wollte ich das nicht mehr und habe nach ähnlichen Erfahrungen und bestenfalls sogar Entwöhnungsanleitungen gesucht, jedoch nichts hilfreiches gefunden. Nachdem ich mir das Nuckeln jetzt abgewöhnt habe, möchte ich das Internet mit meiner Erfahrung bereichern. Am besten beschreibe ich die ganze Geschichte von Anfang an.

Als Säugling ist es ja bekanntlich normal, am eigenen Daumen, einem Schnuller oder einer Saugflasche zu nuckeln um sich zu beruhigen. Damals entschieden meine Eltern für mich, dass ich keinen Schnuller bekommen sollte weshalb ich natürlich beim Daumen blieb. Das war auch ganz prima bis meine Mutter irgendwann der Meinung war, ich sei doch allmählich zu alt dafür. Da müsste ich gerade ungefähr sechs Jahre alt gewesen sein und wir waren in den Ferien verreist. In dem Moment sah ich mich einfach nur gestört vom Wunsch meiner Mutter. Das üblicherweise abendliche Lutschen am Daumen war für mich ein reines Wohlgefühl und half mir beim Entspannen. Warum sollte ich da aufhören? Natürlich kannte ich bald alle Argumente gegen das Nuckeln aber wie ernst nimmt man wohl Ankündigungen wie „deine Zähne werden ganz schief“, „du wirst lispeln“ oder „irgendwann entzündet sich noch dein Daumen“, wenn man sowieso nur Zahnlücken im Mund hat, von Fremden für die deutliche Aussprache gelobt wird und der Daumen doch vollkommen in Ordnung ist? Richtig, jedes Kind und wahrscheinlich auch jeder Erwachsene würde bei dieser Sachlage beim Nuckeln bleiben. Vor allem, wenn man dabei noch ein Gefühl empfindet, was sich wie Schokolade und Kuscheln gleichzeitig anfühlt. So nuckelte ich also weiter. Mit der Pubertät nahm die Dauer schrittweise zu. Vermutlich weil ich mich so einfach in eine Sicherheit flüchten konnte, die ich ansonsten gerade zu verlieren schien. Das Nuckeln war Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Es würde immer da sein um mich zu beruhigen. Nachdem ich mein Abi gemacht hatte und ausgezogen war, nuckelte ich teilweise einen halben Tag am Stück weil ich mich so am schnellsten wohl fühlte. Natürlich konnte ich das irgendwann selbst vor mir selbst nicht mehr verheimlichen. Rückblickend auf die letzten 1,5 Jahre stelle ich fest, dass ich durch das Nuckeln wirklich viele Chancen verpasst habe weil ich einfach nichts geändert habe. Durch das wohlige Gefühl beim Nuckeln bemühte ich mich gewissermaßen gar nicht mehr richtig, auf andere Arten positive Gefühle zu erzeugen. Wenn ich es doch mal aus meiner Nuckelwelt nach draußen schaffte zeigten sich die Zeichen der Sucht und ich musste mich teilweise sogar vor Freunden verstecken um nuckeln zu können. Denn so tabuisiert wie das Daumennuckeln ist hatte ich ihnen natürlich nicht davon erzählt und bemühte mich nach Kräften, dass sie es nicht selbst herausfanden. Für mich waren solche Momente sogar noch schlimmer als z.B. die gelegentlichen „Toilettengänge“ um in den stinkenden Kabinen mal schnell den Daumen zwischen die Lippen nehmen zu können.

So unauffällig ich anfangs bezüglich der Nuckel-Symptome war, so deutlicher fielen sie mir jetzt nach und nach auf. Da waren die weniger störenden wie die Schwielen, die sich an beiden Seiten des Daumens als Polster gebildet hatten, der sich abschilfernde Daumennagel auf der rechten Seite oder die etwas schiefe Gesichtsmuskulatur, mit denen ich gut und gerne hätte weiterleben können. Probleme wie unterschiedlich lange Schneidezähne, die ein normales Abbeißen unmöglich machten oder ein allmorgendlich schmerzender Kiefer öffneten mir dann aber tatsächlich die Augen. Das Daumennuckeln war für mich zur Sucht geworden und egal wie harmlos sie im Vergleich zu Drogen und Rauschmitteln wirken mag, machte sie doch einen zu großen Teil meines Lebens aus, als dass ich einfach so mit ihr hätte weiterleben können.

Vor etwas mehr als fünf Wochen habe ich mich deshalb entschieden, mir alle Mühe der Welt zu geben um endlich vom Nuckeln wegzukommen. Ziemlich spontan fing ich damit an, indem ich meinen rechten Daumen bandagierte. Weil ich auf jegliche Kommentare meiner Bekannten (von denen natürlich viele nicht einmal vom Nuckeln wussten) verzichten wollte, hatte ich mir offiziell eine Bänderdehnung am Daumen zugezogen. Und auch wenn es auf den ersten Blick idiotisch erscheint, so etwas vor dem engsten Umkreis zu vertuschen, bin ich sehr froh, es so gemacht zu haben. Es nimmt einfach unnötigen Druck aus der sowieso schon stressigen Entwöhnung. Ich trug ungefähr eine Woche die Bandage, dann war ich mir sicher genug, dass ich nicht doch aus Gewohnheit besonders Nachts wieder aus Versehen nuckeln würde. Seitdem hat sich auch ehrlich gesagt nicht mehr viel verändert. Klar, je länger ich nicht mehr nuckelte desto weniger kam es mir auch in den Sinn aber der Verlockung zu widerstehen fiel mir auch schon nach einer Woche überraschend leicht. Mittlerweile bin ich also seit über fünf Wochen „nuckelfrei“ und erfahre allmählich tatsächlich, was das bedeutet. Wenn ich ein Buch lese, lese ich ein Buch. Wenn ich einen Film gucke, gucke ich einen Film. Wenn ich etwas schreibe, schreibe ich etwas und mache nicht alle zehn Minuten eine Nuckelpause. Das wäre früher so nicht gegangen

Aber vor allem muss ich nichts mehr verheimlichen und das ist wunderbar. Wer will schon seine liebste „Freizeitbeschäftigung“ vor den besten Freunden verbergen müssen.

Liebe hilfesuchende Nuckler: vielleicht könnt ihr ja etwas mit meinen Erfahrungen anfangen. Fühlt euch bestärkt und unterstützt auf eurem weiteren Weg. Lasst euch nicht fertig machen und macht euch vor allem nicht selber fertig deshalb.

Liebe Eltern von nuckelnden Kindern: bitte bietet euren Kindern doch Alternativen zum Nuckeln! Damit meine ich nicht nur den allbekannten Schnuller oder das Fläschen sondern das Gesamtpaket Geborgenheit und Wohlgefühl. Denn das versuchte ich, durch´s Daumennuckeln zu ersetzen.

Und zu allerletzt lieber „Rest“: ich hoffe, dass ihr ein Bild davon bekommen konntet, wie es ist, wenn man volljährig ist und noch nuckelt. Es ist wirklich nichts schlimmes oder abstoßendes, eigentlich sollte es meiner Meinung nach sogar noch besser als Zigaretten und Alkohol angesehen werden denn damit schadet man wenn überhaupt nur sich selbst und das auch nur in relativ harmloser Weise körperlich. Es gibt keinen Grund, Daumennuckler deswegen zu kritisieren. Die meisten stellen sich ja schon selber in die Tabuecke und schämen sich. Lasst sie doch bitte auch selber entscheiden, ob sie dort bleiben wollen oder nicht.

Ich wollte es nicht mehr.

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