Reise-Doku: Von Husum nach Klanxbüll – 60km in unter drei Tagen

Jaaa, ich bin spät dran, ich weiß es. Aber ich habe den Blog nicht vergessen! Deshalb kommt jetzt eine Dokumentation meiner Mitte Juni stattgefundenen Wochenendwanderung durch´s schöne Nordfriesland.

Auf diesem Blog hatte ich ja noch schnell einen Artikel verfasst, bevor ich aufgebrochen bin. Ich hatte mich tatsächlich relativ spontan zu dieser Wanderung entschlossen weil ich erfahren hatte, dass einige Bekannte den gesamten Weg nach Sylt mit dem Fahrrad zurücklegen wollten und feststellte, dass ich ein bisschen neidisch auf sie war. Zwar hätte ich die Möglichkeit gehabt, sie mit dem Fahrrad zu begleiten, allerdings befindet sich mein Velo gerade in einem nicht besonders tourtauglichen Zustand und außerdem war ich mir nicht sicher, wie/ob ich die Strecke vom Festland nach Sylt und anschließend nach Föhr (wo ich nach dem Seminar Urlaub gemacht habe) mit dem Fahrrad bewältigen kann. Als einzige Möglichkeit, die Strecke aus eigener Kraft zurückzulegen, blieb mir deshalb nur das Wandern. Um die gesamte Strecke von Kiel bis nach Sylt zu Fuß zurücklegen zu können, war es zum Zeitpunkt der Entscheidung allerdings schon zu spät, weshalb ich mich auf einen Abschnitt beschränken musste. Die Wahl fiel mir nicht schwer da es für mich sehr viel verlockender klang, entlang der Nordsee zu wandern, als quer durch Schleswig-Holstein. Einigen mag das vielleicht zu eintönig sein, für mich war es genau das richtige!

Ich packte am Freitag Nachmittag also meinen Rucksack mit allem, was ich in den nächsten dreieinhalb Wochen brauchen würde und fuhr gegen Abend mit dem Zug gen Husum. Mein Plan war, die Nächte in meinem Zelt zu verbringen (psssssst: nicht zwangsweise auf Campingplätzen), weshalb ich noch am selben Abend ca. 5km von Husum bis Schobüll wanderte. Ich nahm einen Weg entlang der Straße und wie es der Zufall wollte hielten zwei Männer mit ihrem Auto an um mir zu erklären, wo ich mein Zelt aufbauen könnte. Sie boten mir auch an, mich mitzunehmen, da ich aber wandern WOLLTE und ja auch noch nicht so lange unterwegs war, lehnte ich das ab. Deren Beschreibung nach („… beim großen schwarzen Zelt…“) erwartete ich schon, irgendwann auf Pfadfinder zu treffen, was dann auch der Fall war. Kurz nach dem Ortseingang von Schobüll war die Jurte auf dem Gelände des Pfadfinderheimes gut zu erkennen. Einige Pfadis waren auch noch da, die fragte ich, ob ich dort mein Zelt aufbauen dürfte. Letztendlich erlaubten sie mir sogar, die Nacht in der Jurte zu verbringen da diese nicht gebraucht würde. Für diese Nacht konnte ich mir also das Aufbauen meines Zeltes sparen und in diesem Monsterzelt schlafen:

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Nach einer (aufgrund innerer Unruhe) leider wenig erholsamen Nacht ging es am nächsten Morgen weiter Richtung Norden. Am vorigen Tag hatte ich die offene Nordsee noch nicht erblickt, allerdings war ich ihr näher, als ich dachte. Ungefähr 200m entfernt von meinem Nachtlager befand sich die Husumer Bucht mit ihren tollen Schilflandschaften. Dass so etwas an der Nordsee existiert, wusste ich noch gar nicht, ich dachte immer, es würde nur Watt und Salzwiesen in Nordfriesland geben. Ich wanderte und wanderte also, ließ irgendwann die Husumer Bucht hinter mir und mit ihr die Halbinsel Nordstrand. Kurze Strecken wanderte ich noch hinter dem Deich (also im „Landesinneren“), dabei sah ich ganz entzückende Häuser und lernte Uwe, das Lama kennen.

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Vor dem Deich wandelte sich die Natur allählich zu dem, was ich mir in etwa ausgemalt hatte: endlos scheinendes plattes Watt mit Salzwiesen zu meiner linken, und einem mauergleichen Deich mit weidenden Schafen zu meiner rechten. An diesem Tag begegnete ich noch vielen anderen Wanderern und Fahrradfahrern, von denen ich auch mit einigen ins Gespräch kam. Auffällig dabei war, dass ich fast immer die einzige war, die über einen längeren Zeitraum mit ihrem gesamten Gepäck unterwegs war. Außerdem war ich ausnahmslos die Jüngste. Das finde ich ehrlich gesagt ein bisschen schade, denn gerade in meiner Generation gibt es viele, die sich für das Reisen mit Rucksack interessieren und dass ich keinem von denen begegnet bin zeigt mir, dass so schöne Reiseregionen in Deutschland bei vielen gar nicht präsent sind obwohl sie doch so viel leichter zu erreichen sind, als Ziele im fernen Ausland. Ich kann dazu nur sagen, dass ich Nordfriesland in allen Aspekten (Wetter, Wanderstrecke, „Land und Leute“, Natur) grandios und für eine Wanderung sehr geeignet fand. Außerdem wurde ich in jeder Unterhaltung gefragt, ob mir denn diese Wanderung alleine als Mädchen/Frau geheuer sei. Dazu kann ich nur sagen, dass ich persönlich mich in Deutschland sehr sicher fühle, ob in meinem Alltag oder im Urlaub. Meiner Meinung nach bringt es nicht viel, darüber zu diskutieren da letztendlich sowieso alleine ein Urteil fällt und es kein Totschlagargument gibt. Aber hallo, liebe illustrierte Zeitungen, wollt ihr nicht mal groß und breit über meine tolle Wanderung durch´s gefährliche Deutschland berichten, bei der es mir gelang, weder von Flüchtlingen vergewaltigt, noch von Verbrechern ausgeraubt zu werden?!

Am Samstag lief ich insgesamt 28,9km. Zugegebendermaßen war das aber auch das Maximum und als ich endlich in Schlüttsiel ankam, konnte ich nur noch zum nächsten Imbiss humpeln um mir eine Portion Pommes zu genehmigen. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich nämlich zugegebenermaßen meine Brot-Diät schon einigermaßen satt. Im Imbiss konnte ich zum Glück auch mein Handy aufladen, was ich während der Tour zum navigieren benutzte. Ich weltfremder Mensch hatte natürlich keine Powerbank dabei… Da ich physisch ziemlich am Ende war suchte ich mir bald nach dem Essen einen Platz zum zelten, den ich in der Nähe des Hafens direkt am Deich auch fand. Ich genoss noch die letzten Sonnenstrahlen und sah einer Hochzeitsgesellschaft auf einem Schiff beim Ablegen in Richtung der Halligen zu, um anschließend mein Zelt aufzubauen und mir eine wohlverdiente Nachtruhe zu gönnen…

 

…die leider nur von sehr kurzer Dauer war. Erwähnte Hochzeitsgesellschaft hatte nämlich anscheinend nicht geplant, den Abend auf einer Hallig ausklingen zu lassen, wie ich es mir gedacht hatte, sondern feierte nach der Rückkehr im Hafen bei lautester Musik. Nach nur einer Stunde Schlaf wachte ich also gezwungenermaßen wieder auf. Zuerst dachte ich, es wäre Morgen, da ich mich sehr ausgeruht fühlte und mit einer ruhigen Nacht gerechnet hatte. An Schlafen war aber nicht mehr zu denken. Nach ca. zwei Stunden des Wach-im-Zelt-liegens, einem Toilettengang und reichlich Abwägungen fasste ich dann schließlich den zunächst sehr komisch anmutenden Beschluss, mitten in der Nacht wieder meinen Rucksack zu packen und meine Wanderung im Dunklen fortzusetzen. Ich würde das allerdings jederzeit wiederholen denn bei der Lautstärke hätte ich höchstens noch meine geschundenen Beine und Füße schonen, mich aber nicht komplett erholen können. Wie gesagt fühlte ich mich außerdem bereits nach einer Stunde Schlaf sehr viel besser. Auch war diese Nachtwanderung zwischen Watt und Deich eine sehr besondere Erfahrung, die ich nicht missen möchte. Zwar hatte ich immer das Gefühl, verfolgt zu werden, gleichzeitig war es aber auch, als hätte ich bisher nur jede zweite Seite eines Buches gelesen und auf einmal entdeckt, dass es noch so viel mehr gibt. In jener denkwürdigen Nacht legte ich noch einmal ca. 6,5km zurück und kam zur Dämmerung in Dagebüll an.

Dort legte ich eine kurze Pause am Hafen ein, ging daraufhin noch ein paar Kilometer in den Ort, füllte meine Flaschen in den offenen Sanitäranlagen des Campingplatzes auf (bis jetzt hatte ich immer an Häusern geklingelt aber das geht um halb fünf Uhr morgens schlecht) und wanderte dann weiter. Warum?

Ich war zwar über 35km in ungefähr 20 Stunden mit gerade einmal einer Stunde Schlaf gewandert, fühlte mich aber eigentlich noch in der Lage, weiter zu wandern. Ehrlicherweise zog ich es in Erwägung (und hatte es zuerst auch tatsächlich so geplant), mein Zelt auf dem Campingplatz in Dagebüll aufzubauen und mir dort noch eine Mütze Schlaf bis zum Vormittag zu gönnen. Allerdings wusste ich dann vor Ort nicht, wie ich das mit dem Buchen machen sollte und hatte auch ein bisschen Angst, zu viel Zeit zu vertrödeln, deshalb ließ ich es dann doch bleiben.

Nachdem ich mir noch ein paar unnütze Kilometer aufgehalst hatte (Taschenlampe beim Wasser auffüllen auf dem Campingplatz vergessen…) lief ich noch etwa zwei Stunden weiter. Das war wirklich der schönste Teil der Wanderung: ich war die einzige auf den Wegen, die Temperatur war super zum wandern und die aufgehende Sonne tauchte alles in ein orange-rosanes Licht, ohne zu heiß zu brennen. Um sieben Uhr genehmigte ich mir dann eine längere Frühstückspause mitten auf einer kleinen Deichstraße. Autos begegneten mir keine, weshalb ich dort sogar noch ein kurzes Nickerchen auf meiner Isomatte hielt. Nach etwa einer Stunde ging es dann aber weiter.

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Ab diesem Punkt gibt es für eine längere Zeit eigentlich nicht mehr viel spannendes zu erzählen. Ich wanderte wieder vor dem Deich direkt an den Salzwiesen auf einer Deichstraße. An diesem Tag begegneten mir allerdings kaum noch andere Menschen, die Straße war teilweise regelrecht zugeschissen worden von den Schafen und einige Gatter wurden augenscheinlich nicht häufig benutzt denn sie waren verzäunt. An solchen Stellen konnte ich dann meine Fähigkeiten im Gatterklettern mit zusätzlichen 18kg Gewicht (ja, so schwer war mein Rucksack!) beweisen… Natürlich gab es auf dieser Strecke auch keine Toiletten (und hinter dem Deich auch keine Ortschaften mit solchen) weshalb ich irgendwann ernsthaft mitten auf der platten Salzwiese mein Geschäft verrichtete. Beim zweiten und dritten Mal fiel es mir schon gleich viel leichter, da hatte ich mich schon an die Einsamkeit gewöhnt. Mit einer solchen Wildnis hatte ich wirklich nicht gerechnet, alles in allem war es aber wenig aufregend, sobald man sich daran gewöhnt hatte.

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Mit dem Verlassen des Deiches kehrte dann auch stückweise die Zivilisation in Form von geschlossenen Hotels und Seebadestegen zurück. Ich machte noch ein paar Pausen und wandte mich dann der Nordsee ab, denn Klanxbüll liegt ein Stückchen landeinwärts. Auf den letzten sechs Kilometern wurde es dann noch einmal richtig heiß. Die Sonne schien vom blauen Himmel und die asphaltierten Wege und Straßen heizten sich auf… Kurz vor Klanxbüll (es muss in etwa 12 Uhr Mittags gewesen sein) musste ich deshalb doch noch eine weitere Pause einlegen. Da ich mich auf einer kleinen Landstraße befand und keine schattige Bank weit und breit zu sehen war, bog ich kurzerhand auf einen Hof ab und setzte mich in den Schatten der großen Scheune. Dort wurde ich dann vom Bewohner des Hofes angesprochen, der entgegen meiner ersten Befürchtungen wirklich sehr nett und interessiert war und mir anbot, seine Toilette zu benutzen. Das war zwar nicht nötig, allerdings nahm ich gerne das Angebot an, meine Wasserflaschen ein weiteres Mal aufzufüllen. Trinken ist ja so wichtig! Auf jegliches anderes Gepäck hätte ich verzichtet aber nicht auf meine Trinkflaschen!!! Mit dem Auffüllen hatte ich übrigens keinerlei Probleme, mir wurde an jedem Haus gerne geholfen.

Schließlich erreichte ich dann mein Ziel: Klanxbüll! Bis auf die brütende Hitze gibt es von den letzten Kilometern nicht mehr viel zu erwähnen. Endlich konnte ich meinen Rucksack absetzen, beim Treppenlaufen zum Ticketautomaten kam ich mir trotz der vielen zurückgelegten Kilometer federleicht vor! Gegen ein Uhr mittags saß ich dann tatsächlich schon im Zug nach Sylt, wo am nächsten Tag mein Seminar stattfinden würde.

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Ich habe es also tatsächlich geschafft! Weil ich unmittelbar vor der Wanderung nicht gewandert war, konnte ich im Voraus tatsächlich gar nicht abschätzen, ob diese 60km für mich überhaupt in der Zeit schaffbar sein würden. Des weiteren konnte ich das Gewicht meines Rucksacks nur schätzen, da ich nicht mehr als eine (für diese Zwecke überhaupt nicht geeignete) Küchenwaage besitze. Dass ich dann noch vor Sonntag Abend mein Ziel erreichen würde erschien mir absolut utopisch, eher hätte ich damit gerechnet, den Rest der Strecke zu trampen oder mit dem Zug zu fahren (das wäre ab Dagebüll möglich gewesen).

Dafür war ich, einmal auf Sylt angekommen, auch platter als eine Flunder. Die letzten Kilometer bis zum Campingplatz wankte ich nur noch und sobald ich mich dort angemeldet und mein Zelt aufgebaut hatte, schlief ich auch schon. Gegen Abend gönnte ich mir dann noch die erste Dusche seit Tagen und fuhr mit dem Bus in die Innenstadt von Westerland um etwas zu essen und Verbandsmaterial für meine Füße zu kaufen (die Apothekerin empfahl mir doch ernsthaft in meiner Situation Globuli!). Die waren nämlich von Blasen übersät und gefühlt kaum noch zu gebrauchen. Was glaubt ihr, wie gut ich in der nächsten Nacht geschlafen habe? Herrlich! Leider wurde es schon gegen acht zu warm im Zelt aber da ich um zehn schon beim Seminar sein musste, hätte ich sowieso nicht viel länger schlafen können. Ich frühstückte also die Reste meines brotlastigen Proviantes, packte meine Sachen ein letzes Mal und machte mich auf den Weg in den Süden Sylts, wo ich in der folgenden Woche mein Seminar hatte.

So meine lieben, ich hoffe, ich konnte den einen oder anderen mit dieser Dokumentation meines Kurzurlaubes unterhalten und vielleicht sogar anregen, selber mal etwas in die Richtung zu machen. Ich bereue es kein bisschen, diese Wanderung gemacht zu haben und war anschließend noch wochenlang ganz hin und weg von Nordfriesland. Auch wenn nicht alles wie in dem idealen Plan verlaufen ist, war es doch ideal. Deshalb kann ich nur alle von euch aufrufen, hin und wieder mal über Mauern im Kopf hinwegzusehen. Auch ich zweifelte vor der Tour an der Machbarkeit meines Planes und bin letztendlich noch weit über diese Grenzen hinaus gegangen! Und erforscht vielleicht auch erstmal euer Heimatland. Denn dann ist es nicht schlimm, wenn ihr eure Grenzen erreicht, bevor ihr damit gerechnet hättet und eine vorzeitige Rückfahrt ist meistens problemlos möglich. Mir hat das sehr viel Sicherheit und Kraft gegeben.

Ich versuche, demnächst ein bisschen mehr hier zu veröffentlichen. An Ideen mangelt es nicht. Allein die Zeit fehlt…

Bis dann!

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